Veröffentlicht: Donnerstag, November 3, 2011 von Agnieszka Berlin

Perugino – ein Künstlerschicksal in der Renaissance

München – nach landläufiger Meinung immerhin die nördlichste Stadt Italiens – zeigt zurzeit eine überschaubare und sehr schöne Ausstellung zu „Perugino – Raffaels Meister“. Der Titel zeigt das Dilemma, denn obwohl Perugino zu Lebzeiten einer der bekanntesten und begehrtesten Künstler war, würdigt die Nachwelt ihn zwar wohlwollend, aber vor allem als (angeblichen) Lehrer Raffaels, in dessen Schatten er bis heute steht. Der Schüler sticht den Meister aus? Wenn das mal kein Anlass ist, in Rom auf Spurensuche zu gehen!

Sicher ist, Raffael hat in der ewigen Stadt eine echte Bilderbuch-Karriere geschafft. Er war nicht nur Maler, sondern auch Bauherr über Sankt Peter und Aufseher über die römischen Antiken. Er stand in der Gunst des Papstes wie wenige andere und erhielt den Auftrag, die Räume des Heiligen Vaters (die „Stanzen“) mit Fresken zu schmücken. Und das noch bevor er seinen dreißigsten Geburtstag feierte! Wenn das keine Erfolgsgeschichte ist. Leben und Werk scheinen perfekt und diese Perfektion brachte ihm über viele Jahrhunderte den Ruf als besten Maler überhaupt ein und verdrängte zumeist erfolgreich die Konkurrenz aus den Köpfen der Nachwelt.

So auch Pietro Perugino, der einige Zeit zuvor nach Rom gerufen worden war, um Teile der Sixtinischen Kapelle zu gestalten. Schon wieder drängt sich ein anderer, grandioser Konkurrent auf, denn selbstverständlich ist die Kapelle heute vor allem wegen der Fresken Michelangelos berühmt und ein Magnet für das Publikum. Doch die Bilder, die die Wände zieren stammen nicht von Michelangelo, sondern entstanden etwa zwei Jahrzehnte zuvor, gemalt von den größten Meistern ihrer Zeit: Ghirlandaio, Signorelli, Botticelli, Rosselli…und Perugino! Sogar die Stirnwand zierte einst ein Werk des Meisters, bis es dem Jünsten Gericht Michelangelos wich.

Unvorstellbar, dass damals die größten Künstler der Welt sich quasi die Klinke in die Hand gaben oder sogar Seite an Seite arbeiteten. Vielleicht ist es bei so vielen großen Namen ganz normal, dass der eine besser in Erinnerung bleibt als der andere. Gerecht ist das Leben ja bekanntlich selten. Gut, dass wir es besser wissen! Ich werde bei meinem nächsten Besuch im Vatikan auf jeden Fall nicht nur über die Stanzen staunen oder den Kopf in den Nacken legen, um die Fresken an der Decke der Sixtina zu betrachten. Denn rechts und links der bekannten Pfade gibt es viel zu entdecken!

Jessica Löscher für Romaeterna

 

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