Veröffentlicht: Donnerstag, Mai 13, 2010 von Agnieszka Berlin

Laokoon und Schiller – Gespräche über ein Meisterwerk in den vatikanischen Museen

Der Laokoon in den vatikanischen Museen. Ein Meisterwerk. Aber aus welchem Grund ist er ein MEISTERWERK? Darüber habe ich heute mit Gästen vor der Statue stehend siniert. Schiller hat die Statue des Apolls der des Laokoon gegenüber gestellt. Meine Gäste und ich haben  über seinen Text gesprochen und uns selbst ein Urteil gebildet.

Den Bildhauern der Antike ist es gelungen, den menschlichen Körper perfekt in Stein zu hauen und dabei die seelische Verfassung der drei Figuren für den Betrachter “erlebbar” zu machen.

Es ist grandios! Für mich war die heutige Besichtigung eine tolle neue Art der Auseinandersetzung mit einer Statue, die ich doch so oft sehe. Und den Gästen hat es Spaß gemacht, Literatur und Bildhauerei miteinander zu verbinden und an der Führung in den vatikanischen Museen aktiv teil zu nehmen. Sicher ein unvergessliches Erlebnis für uns Drei!

Hier der besagte Auszug aus dem Text Schillers, für Sie:

“Ich nähere mich dem Apollo: die hohe Gestalt erfüllt meine Seele: Es ist das schönste Bild, das sich die menschliche Phantasie schuf, und das in menschliche Gestalt gekleidet ward. Schlankheit, Bewegung, Hoheit des Ausdrukes sind im gleichen Grade harmonisch zum Bilde des fernhintreffenden Gottes. Ich trete vorwärts, rükwärts, auf diese, auf jene Seite des Bildes: mein Auge irret von dem Ganzen zu den Theilen und von den Theilen zum Ganzen – und immer stehet die hohe radellose Gestalt vor mir. – Noch einmal trete ich auf die Seite des rechten Profils – und meine Seele genießt die Fülle eines reinen unvermischten Entzükens.

Mensch, in dessen Geist dieß Bild aufblühete, oder vielmehr, wie ein Lichtstrahl auf einmal in deiner Phantasie dastand – welch stattlichen Jäger sahst du, auf dem nahen Gebirge das schnelle Wild verfolgend? – und wie war es dir möglich, unter dem langsam bildenden Finger dieß Bild deiner Phantasie beizubehalten, daß es dir nicht, wie ein buntfarbiger Luftdunst entschwand? –

Apollo bleibe immer das höchste, schönste Bild menschlicher Phantasie! –

Ich gehe vier Schritte weiter: welcher Kontrast stellet sich meinen Augen dar? ein Alter, und zwei Knaben im Todeskampf mit zwei der grässlichsten Ungeheuer der Natur, die sie eng zusammen umschlungen halten. – Laokoon hauchet in der Mitte seiner sterbenden Söhne die Seele aus. – Mein Bild schauert, wie dort die Trojaner, von dem Hilflosen zurük: meine Brust verenget sich. – Was will der Künstler, daß er eine solche Szene in Marmor hauet? je wahrer die Nachahmung, desto schauervoller wird der Eindruk seyn; und ohne Wahrheit, was ist das Werk des Künstlers?

Doch das Werk stehet da: es stehet da, als das Meisterwerk der gesammten Kunst. – Opus omnibus et picturae et statuariae artis praeponendum. – Ein solches Urtheil fällten die Alten hierüber, und die moderne Welt hat es seit langem mit eben dem günstigen Urtheil belegt. – Worin besteht denn die Vorzüglichkeit dieses Kunstwerkes? worin beruht das vortrefliche des ersten Ideals der Kunst, wie man es heute zu nennen pfleget? – Ist es nicht die Kühnheit der Unternehmung, eine Bewegung und einen Ausdruk von einem menschlichen Körper zu bilden, welche die tiefsten Kenntnisse des Körperbaues, und das innigste Bekanntseyn mit jeder Leidenschaft der menschlichen Seele voraussezen? – Wahrlich! kein Werk, wie dieses, verräth uns so die gesammte Weisheit des griechischen Geistes!”

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